Zwischen den Jahren in Tschechien – Liberec, Riesengebirge und Silvester in Kadaň

Vom 26.12.2025 bis zum 02.01.2026 führte eine kurze Reise nach Tschechien. Die Route umfasste Liberec, das Riesengebirge und zum Jahreswechsel die Stadt Kadaň an der Eger. Trotz frostiger Temperaturen blieb die Region schneefrei und präsentierte sich oft in klarer, sonniger Winterstimmung.

Eine Nacht in Liberec

Den ersten Tag verbrachte ich in Liberec (Reichenberg). Direkt nach der Ankunft stand ein Besuch der rozhledna Liberecká Výšina (Aussichtsturm „Reichenberger Höhe“ oder „Liebigwarte“, ca. 546 m) auf dem Programm. Der Turm wurde Anfang des 20. Jahrhunderts im Stil einer mittelalterlichen Burganlage errichtet und geht auf eine Initiative des Industriellen Johann Liebig zurück, der die Region maßgeblich prägte. Von dort bietet sich ein weiter Blick über die Stadt und die umliegenden Höhenzüge.

Anschließend führte der Weg ins Zentrum von Liberec, unter anderem zum Rathaus (Radnice). Das Gebäude wurde zwischen 1888 und 1893 nach Plänen des Wiener Architekten Franz Neumann errichtet und orientiert sich stilistisch am Wiener Rathaus. Mit seiner neugotischen Fassade, dem 65 m hohen Turm und den reich verzierten Details zählt es bis heute zu den markantesten Bauwerken der Stadt.

Die Pension, in der ich übernachtete, lag rund zehn Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt und bot damit eine günstige Ausgangslage für Erkundungen. Aus dem Fenster ergab sich zudem ein freier Blick auf den Ještěd (Jeschken, 1.012 m). Der Berg ist nicht nur ein markanter Orientierungspunkt, sondern auch ein technisches Wahrzeichen: Auf seinem Gipfel steht der 1973 eröffnete Fernsehturm mit Hotel, entworfen vom Architekten Karel Hubáček, der dafür den renommierten Perret-Preis erhielt. Trotz schneefreier Bedingungen war der Jeschken deutlich über der Stadt zu erkennen.

Im Zentrum von Liberec

An der Pension mit Blick auf Ještěd

Blick aus dem Fenster der Unterkunft – Ještěd zu Sonnenuntergang und am Abend

Fahrt ins Riesengebirge mit stopp am „Rozhledna U Borovice“

Am nächsten Tag führte die Fahrt weiter in Richtung Riesengebirge. Unterwegs bot sich ein Zwischenstopp an der Rozhledna U Borovice (Aussichtsturm „Bei der Kiefer“) an. Der moderne Holzturm wurde 2009 eröffnet, steht auf rund 660 m Höhe und bietet dank seiner offenen Konstruktion eine weite Rundumsicht über das nördliche Böhmen, das Isergebirge und bei klarer Sicht bis hin zum Kamm des Riesengebirges. Nach dem kurzen Aufenthalt ging es weiter in die Bergregion, die sich auch an diesem Tag frostig, sonnig und schneefrei präsentierte.

Rozhledna U Borovice mit weitem Ausblick

Ještěd (Jeschken) und Burg Bezděz (Bösig) – hier fahre ich später noch direkt vorbei – sind gut mit Teleobjektiv (600mm) erkennbar

Krippenspiel „Jesličkáři“ – Kostel svatých Šimona a Judy (Kirche St. Simon und Juda) in Starý Rokytník (Alt Rognitz)

Der nächste Stopp führte zur Kostel svatých Šimona a Judy (Kirche St. Simon und Juda) in Starý Rokytník (Alt Rognitz). Der Ort wurde bereits im 14. Jahrhundert erwähnt und gehört heute zur Stadt Trutnov (Trautenau) im Královéhradecký kraj. Die Kirche zählt zu den ältesten Sakralbauten der Umgebung: Ihre Existenz ist seit dem späten 14. Jahrhundert belegt, wurde nach Zerstörungen in den Hussitenkriegen im 15. Jahrhundert erneuert und im 18. Jahrhundert im barocken Stil umgestaltet. Weitere bauliche Veränderungen folgten um 1900, als die Turmhaube ihr heutiges Aussehen erhielt. Heute steht das Gebäude als Kulturdenkmal unter staatlichem Schutz.

Seit einigen Jahren wird die Kirche von Štěpánka Tryznová, einer langjährigen Freundin, mit großem persönlichem Engagement betreut. Sie wirkt im Umfeld des Vereins Přátelé Starého Rokytníku (Freunde von Alt Rognitz) mit, der seit 2020 Eigentümer der Kirche ist und sich der Rettung des Gebäudes widmet. Durch ihre Arbeit konnte ein lange vernachlässigtes Denkmal schrittweise wiederbelebt werden.

Der Zustand der Kirche war zuvor dramatisch:

  • Kirche ausgeraubt
  • Fenster eingeschlagen
  • Innenraum stark beschädigt
  • seit 1974 keine regulären Gottesdienste mehr

Zu ihren Aufgaben und Leistungen gehören:

  • Organisation von Konzerten, Veranstaltungen und kulturellen Programmen
  • Beschaffung von Fördermitteln und Spenden
  • Koordination von Restaurierungsarbeiten und Abstimmung mit Handwerkern, Behörden und Denkmalschutzstellen
  • Austausch mit Nachfahren der ehemaligen deutschen Bewohner
  • Übernahme handwerklicher Arbeiten, wenn es nötig ist

An diesem Tag fand in der Kirche das traditionelle Krippenspiel „Jesličkáři“ statt, eine regionale Form des Weihnachtsspiels, die in mehreren Orten Nordostböhmens gepflegt wird. Die Aufführung zeigte, wie die Kirche heute wieder als Ort lebendiger Kultur genutzt wird und zugleich an historische Traditionen der Region anknüpft.

Drei Nächte in Arnultovice (Arnsdorf) bei Hostinné (Arnau)

Die Zeit in Arnultovice (Arnsdorf) wurde vor allem genutzt, um zur Ruhe zu kommen und die Umgebung zu erkunden. Die kleine Siedlung liegt ruhig im Vorland des Riesengebirges und bot einen idealen Ausgangspunkt für kurze Fahrten in die umliegende Landschaft. Die Tage waren frostig, klar und überwiegend sonnig, wodurch sich die Region trotz fehlenden Schnees in einer weiten, offenen und sehr ruhigen Atmosphäre präsentierte. Ein Ziel war unter anderem die Zvičina (Schwitschin), ein markanter Berg des Vorgebirges, von dessen Gipfel sich ein weiter Blick über das Riesengebirge und die umliegenden Höhenzüge eröffnet. Zudem boten mehrere erhöhte Standorte in der Umgebung gute Möglichkeiten, um Fotos der Landschaft und der klaren Fernsicht aufzunehmen.

Auffällig war in der gesamten Gegend der besondere historische Charakter des ehemaligen Sudetenlandes. Überall finden sich Wegkreuze, Bildstöcke und Denkmäler mit deutschen Inschriften, die an die frühere Bevölkerung erinnern. Auch viele deutsche Grabstätten auf den örtlichen Friedhöfen sind bis heute erhalten. Diese sichtbaren Spuren verleihen der Region einen stillen, unverwechselbaren Charme und machen die historische Prägung des Landstrichs deutlich spürbar.

Zvičina (Switschin) mit eindrucksvollen Blick ins Riesengebirge

Blick auf Horní Brusnice (Ober Prausnitz)

Blick Hostinné (Arnau)

Chotěvice (Kottwitz)

unterwegs in der Region

Silvester in Kadaň (Kaaden an der Eger)

Weiter ging die Reise nach Kadaň (Kaaden an der Eger), einer historischen Stadt in Nordböhmen, die direkt am Ufer der Eger (Ohře) liegt. Die Fahrt dorthin führte durch mehrere landschaftlich und historisch markante Regionen. Einer der auffälligsten Punkte entlang der Strecke war Bezděz (Burg Bösig), dessen gotische Höhenburg aus dem 13. Jahrhundert weithin sichtbar über der Landschaft steht. Anschließend ging es weiter durch das Böhmische Mittelgebirge, eine vulkanisch geprägte Landschaft mit zahlreichen markanten Kegelbergen. Besonders hervorzuheben ist die Milešovka (Milleschauer), der höchste Berg des Mittelgebirges und wegen ihrer Form und Aussicht als „Königin des Böhmischen Mittelgebirges“ bekannt.

Bezděz (Burg Bösig)

Blick ins Böhmische Mittelgebirge (České středohoří) mit Hasenburg und Milešovka (Milleschauer)

Ein weiterer markanter Punkt auf der Route war der Bořeň (Borschen), ein steil aufragender phonolithischer Felsberg bei Bílina. Mit seiner charakteristischen Silhouette zählt er zu den auffälligsten Bergen Nordböhmens und bietet einen eindrucksvollen Blick über das umliegende Becken und die vulkanisch geprägte Landschaft.

Bořeň (Borschen)

Blick ins Erzgebirge (Krušné Hory) und auf Chomutov (Komotau)

Kadaň gehört zu den ältesten Städten der Region: Die erste schriftliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1183, als die Siedlung dem Johanniterorden übergeben wurde. Das historische Zentrum ist bis heute gut erhalten und wird geprägt von der Pfarrkirche der Erhöhung des Heiligen Kreuzes, deren Ursprung bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Auf dem Marktplatz steht die barocke Mariensäule, die im frühen 18. Jahrhundert errichtet wurde und zu den markantesten Denkmälern der Stadt zählt. Zusammen mit den umliegenden Bürgerhäusern bildet sie den Mittelpunkt der Altstadt und verleiht Kadaň eine ruhige, geschlossene Atmosphäre, die den historischen Charakter des Ortes besonders deutlich macht.

Kadaň (Kaaden an der Eger)

Die Tage in Nordböhmen boten Ruhe, klare Eindrücke und viele kleine Entdeckungen. Zwischen stillen Orten, markanten Bergen und den sichtbaren Spuren der Geschichte entstand ein Bild dieser Region, das sich tief einprägt. Kadaň bildete den Abschluss einer Reise, die vertraut wirkte und zugleich neue Perspektiven eröffnete. Es ist eine Gegend, zu der ich immer wieder zurückkehren werde – weil sie mir jedes Mal etwas anderes zeigt und sich dennoch wie ein Stück Vertrautheit anfühlt.

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